
29.05.2012
Der Wiener Fußballblog im Interview mit Martin Kraus über über seine Zeit beim Bundesheer, Mentor Helge Payer, seinen verlorenen Tormanntrainer, Diskussionen aufgrund der Größe sowie Erfahrungen eines Goalies und natürlich über seinen großen Lebenstraum: Profi werden.
Wiener Fußballblog: Wie geht es dir derzeit bei der Columbia in Floridsdorf?
Martin Kraus: Mir geht es ganz gut. Dadurch, dass ich die Vorbereitung durch das Bundesheer versäumt habe, hatte ich eine Zeit lang körperliche Defizite, was völlig logisch ist. Jetzt habe ich aber zum Glück die Möglichkeit, jeden Tag beim Heer zwei Stunden zu trainieren und denke, dass ich körperlich wieder ganz gut bin. Das zeigen auch meine Leistungen.
Wie sieht dein Tagesablauf beim Heer aus?
Ich stehe um 5:30 Uhr auf und um 7:00 Uhr muss ich schon dort sein. Von 8:00 Uhr bis 10:00 Uhr ist Sport, dann Dienst und von 11:30 bis 13:00 Uhr Mittagspause. Danach habe ich wieder bis 16:15 Uhr Dienst. Gott sei Dank ist es aber bald vorbei.
Denkst du, dass das Bundesheer einen künftigen Profispieler bei seiner Ausbildung hindert?
Es stört einen unglaublich im Hinblick auf seine Karriere, weil man einfach wirklich ein halbes Jahr verscheißt. Für nichts und wieder nichts.
Du hast eine turbulente Saison hinter dir. Der Abstieg ist fix und zudem plagen die Columbia finanzielle Probleme. Was bekommt man da als Spieler mit?
Natürlich bekommt man das mit und es wäre gelogen, wenn man sagt, dass man darüber nicht spricht oder sich nicht ärgert. Nichtsdestotrotz geben wir aber beim Training alle Gas und versuchen, das Beste aus uns herauszuholen. Es geht ja auch darum, sich für andere Vereine in die Auslage zu spielen.
Aufgrund der Finanzen hast du ja auch deinen Tormanntrainer Oliver Fuka verloren...
Das hat mich sehr geärgert. Man hat nicht einmal irgendwelche Ansätze gezeigt, hier einen Nachfolger zu holen. Ein halbes Jahr ohne Tormanntrainer ist ein Wahnsinn. Vor allem, weil der 'Fuki' wirklich riesen Anteil daran hatte, dass ich im Herbst so stark gespielt habe. Nicht nur, weil er mit mir gut trainiert hat, sondern weil er mir einfach unglaublich viel Selbstvertrauen eingeimpft hat. Und das braucht man als Tormann besonders.
Obwohl die Saison für den Verein alles andere als gut verlaufen ist, zählst du nicht nur in Floridsdorf, sondern auch in der Liga zu den Stärksten. Gab es diesbezüglich bereits Kontakt mit anderen Klubs?
Leider gibt es da noch nichts Neues. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich die Columbia verlassen werde, da ich einfach unbedingt Profi werden und ich mit 18 Jahren nicht mehr zurück in die Stadtliga gehen möchte. Ideal wären natürlich die Bundesliga sowie die Erste Liga, aber ich mache mir da keinen Druck, sondern lasse das alles auf mich zukommen. Denn wenn was Interessantes aus der Regionalliga kommt, muss man natürlich auch darüber nachdenken und für sich bestimmen, wo man sich am Besten weiterentwickeln kann.
Im Sommer bist du von Rapid weggegangen. Nicht auf Leihbasis wie viele andere. Wie wird es im Sommer ausschauen? Wäre auch eine Rückkehr zu Rapid möglich?
Es gibt leider momentan keinen Kontakt zu Rapid, aber natürlich wäre das ein Thema. Ich würde nicht einmal darüber nachdenken, wenn ich die Chance bekommen würde als Nummer drei. Das wäre ein Traum. Einfach, weil ich schon von klein auf ein riesen Fan bin und es in Österreich nicht einmal annähernd so etwas Geiles gibt. Ich würde mir das auch locker zutrauen. Sogar, dass ich erster Tormann wäre. Natürlich wäre ein bisschen Nervosität dabei, aber ich habe letztes Jahr gesehen, dass mir zum 'Luki' (Anm.: Luks Königshofer) nicht viel fehlt und er ist ja immerhin vier Jahre älter als ich. Also warum sollte ich das nicht können?
Hat dir da das Jahr bei der Columbia überhaupt geholfen?
Das hat mir irrsinnig gut getan. Ich konnte mich dort in Ruhe weiterentwickeln und sehr viel Erfahrung sammeln, indem ich das Vertrauen bekam und jede Partie spielte. Ich habe das Vertrauen auch zurückgezahlt, indem ich das ganze Jahr sehr konstant auf einem hohen Niveau gespielt habe.
Dein langjähriger Trainer und auch kurzzeitig dein Mitspieler, Helge Payer, hat diese Saison angekündigt Rapid zu verlassen. Was meinst du dazu?
Natürlich ist das schade, weil der Helge einfach unheimlich viel geleistet hat für den Verein und auch ein richtiger Grünweißer ist. Allerdings war es auch abzusehen, da er zum Schluss ja nicht mehr viel gespielt hat. Aber ich wünsche Helge natürlich alles Gute und hoffe, dass er erfolgreich ist und zu alter Stärke zurück findet. Dass er in Normalform sicher einer der Stärksten ist, die Österreich hat, weiß sowieso jeder. Und ich hoffe einfach, dass er es seinen Kritikern, die ja mittlerweile schon von überall daherkommen, noch einmal zeigt.
Trainierst du noch in seiner Tormannschule?
Ja. Als ich keinen Tormanntrainer hatte, war ich öfters beim Helge, obwohl ich leider nicht so oft hingehen konnte, wie ich eigentlich wollte, da mich das Bundesheer meistens mit irgendwelchen Diensten abhielt.
Was sagst du zu der Diskussion über die Größe bei Tormännern beziehungsweise die Diskussion, ob Erfahrung als Tormann unerlässlich sei?
Ich weiß nicht, wieso sich das in den letzten Jahren so verändert hat. Meiner Meinung nach ist die Größe zwar Bestandteil von einem kompletten Torwart, aber nicht alles, denn es muss trotzdem die Qualität im Vordergrund stehen und nicht, ob man 1,85 oder 1,95 Meter groß ist. Wenn man die Bälle mit 1,85 Metern auch hält und noch dazu eine gute Sprungkraft hat, ist das doch besser, als wenn man 1,95 Meter groß ist und komplett steif ist. Mir kommt vor, das wird irgendwie vertauscht.
Ist das ein rein österreichisches Problem?
Ein Iker Casillas oder ein Viktor Valdes sind nicht größer als ich und mehrmalige Champions-League-Sieger und in Österreich würde es für die beiden vielleicht wegen der Größe nicht reichen. Das ist alles kompletter Blödsinn. Die Qualität muss ausschlaggebend sein und nichts anderes. Durch die Deutschen hat sich zumindest jetzt im Bereich Erfahrung alles geändert. Ganz ehrlich, was ein Marc-André ter Stegenleistet, ist nicht mehr normal. Der hält Bälle und spielt so staubig wie ein anderer mit 35 nicht. Einfach Wahnsinn.
Du bist mit deinen 18 Jahren noch extrem jung für einen Goalie. Wie sollte dein nächster Schritt aussehen?
Naja mein nächster Schritt sollte so aussehen, dass ich entweder noch einmal ein Jahr in der Regionalliga bleibe und spiele oder wirklich irgendwo raufkomme und dort vielleicht auch am Anfang als Nummer zwei in den sauren Apfel beißen und auf meine Chance warten muss.
Warum willst du überhaupt Profi werden?
Einfach, weil ich von klein auf nicht das Übertalent war und mir schon immer alles erarbeiten musste. Ich war schon mit 11 Jahren fünf bis sechs Mal die Woche beim Verein trainieren und dazu noch drei Mal zusätzlich beim Helge in der Torwartschule. Und noch heute sitze ich jeden Tag in der Kraftkammer und pumpe wie ein Gestörter. Ich denke, mein größtes Plus ist, dass ich nie zufrieden bin. Ich trainiere zehn Mal die Woche und glaube immer noch, dass ich zu wenig mache. Beim Match genauso: Ich könnte mich in die Goschen hauen, wenn ich Fehler mache, weil ich einfach perfekt sein will. Auch wenn sich das verrückt anhört.
Eine Einstellung, die vielen Spielern in Österreich fehlt?
Ja. Mein Ziel ist es einfach, Profi zu werden und vor allem bei uns gibt es viel zu wenige Typen, die auch einmal ihren Mund aufmachen und reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Wir haben sowieso nur Vorzeigeschüler und Allerlieblinge. Deswegen sind wir auch dort, wo wir sind. Ich bin einfach der Typ, der sagt, wenn ihm etwas nicht passt. Ich denke, man braucht solche unguten Typen in der Mannschaft, die anderen einfach einmal die Meinung sagen wie ein Kahn, Effenberg oder auch ein Kühbauer.
Liegt das vielleicht auch am Selbstvertrauen?
Uns fehlt das typisch deutsche Selbstvertrauen. Wir müssen einfach anfangen, uns starkzureden und uns nicht immer klein machen. Ein 'Bayerngen' fehlt uns zum Durchbruch, weil von der Qualität im Nationalteam her sind wir zurzeit so stark wie lange nicht. Und ich denke, ich bringe das alles mit. Auch wenn es jetzt vermessen ist, vom Nationalteam zu sprechen oder sich als Heilsbringer auszugeben. Ich denke einfach, dass ich dadurch gute Chancen habe Profi zu werden. Einfach, weil ich ein anderer Typ Spieler bin, als der Großteil in Österreich.
Wäre auch ein Wechsel ins Ausland ein Thema für dich? Gab es schon mal Kontakte zu ausländischen Klubs?
Nein, die gab es leider noch nicht, aber natürlich ist es mein Ziel, irgendwann im Ausland zu spielen. Besonders Arsenal hat es mir angetan, ebenso die Bayern. Wenn von dort ein Angebot kommen sollte, würde ich zu Fuß auch hingehen. Das wäre einfach nur ein Traum, einmal diese Trikots anzuziehen. Träumen darf man ja und manchmal gehen Träume ja auch in Erfüllung. Ich werde jedenfalls alles geben, damit ich nur nie sagen kann, 'ach du warst so ein Trottel, hättest mehr gemacht'. Ich möchte mich in den Spiegel schauen können und wissen, dass ich alles getan habe. Wird es dann was, ist es gut. Wenn nicht, kann ich mir wenigstens nichts vorwerfen.
Wo siehst du eigentlich deine Stärken?
Meine Stärken sehe ich im eins gegen eins, bei den Reflexen, bei meiner Sprungkraft und bei meiner Lautstärke am Platz. Ich versuche, meine Vorderleute zu coachen und sie auch zu motivieren.
Zum Abschluss: Wo und wie weit siehst du dich in fünf Jahren?
Auf alle Fälle als Profi in der Bundesliga. Dann bin ich 23 und wäre voll im Plan. Früher oder später ist aber auf alle Fälle noch das Ausland mein Ziel.